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Verunglimpfung der THA durch die ARD, hier Herr Kühne

Sehr geehrter Herr Kühne,

 

ich bin persönlich darüber enttäuscht, wie Sie das Interview mit mir in dem Beitrag verwendet haben, und über den Beitrag insgesamt bin ich geradezu entsetzt.

 

Das Interview mit mir diente letztlich nur als Aufhänger, um die Behauptung in die Welt zu setzen, dass im Leitungsausschuss durch junge Mitarbeiter ohne lange Berufserfahrung sozusagen eine weitere Quelle für vermeintliche Fehlentscheidungen der Treuhandanstalt lag. Die Argumentation dazu empfinde ich geradezu als perfide: erst werde ich durch das Interview als Mitarbeiter des Leitungsausschusses vorgestellt, der damals „jung“ war; dann wird gesagt, es habe auch „noch“ jüngere Mitarbeiter gegeben und dann erklärt ein Professor, dass aufgrund der geringen Berufserfahrung Fehlentscheidungen des Leitungsausschusses nicht auszuschließen waren.

 

Wenn ich damals „jung“ war, so hatte ich schon über 10 Jahre Berufserfahrung; ja, es gab „noch“ jüngere Mitarbeiter im Leitungsausschuss, aber die Mehrzahl war älter als ich. Und der Leitungsausschuss als Entscheidungsgremien bestand aus den führenden Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatern Anfang der 90er Jahre. Dieses Gremium traf letztlich die Entscheidungen. Die Behauptung von Fehlentscheidungen des Leitungsausschuss ist durch nichts belegt und selbst wenn es solche Fehlentscheidungen gegeben haben sollte (was bei einer ex-post-Betrachtung wohl angesichts der Umstände und der Fülle von Unternehmen geradezu unvermeidlich war), dann wurden Unternehmen aus meiner Kenntnis eher zu gut als zu schlecht bewertet. Wie sich ein Professor ohne Kenntnisse der Umstände und der genauen Zusammensetzung der „Beratergruppe Leitungsausschuss“ und ohne irgendeinen Beleg für Fehlentscheidungen, bei denen Unternehmen „zu schlecht“ bewertet wurden, dazu aufschwingt, solche Behauptungen aufzustellen und mit Mitarbeitern mit zu geringer Berufserfahrung zu begründen, ist geradezu abenteuerlich.

 

Bis zu 120 Kollegen in der Beratergruppe Leitungsausschuss haben Anfang der 90er Jahre ihr Bestes gegeben, um die notwendige Einstufung von Unternehmen aus betriebswirtschaftliche Sicht zu bewerkstelligen und ich wüsste nicht, wie dies hätte besser gelöst werden können. Ihren Beitrag empfinde ich daher als Beleidigung meiner damaligen Kollegen und von mir persönlich.

 

Mit dieser Beleidigung kann ich umgehen, es geht nur um einzelne Personen und um mich. Womit ich aber nicht umgehen kann, ist die geradezu erschreckende Art, durch Weglassen und Verdrehen wesentlicher Fakten die Arbeit der Treuhandanstalt schlecht zu machen. Dies sei anhand einiger Beispiele aus dem Beitrag belegt:

 

- In der Ankündigung des Beitrages wird ausgeführt, dass man durch die Öffnung der Akten zur Treuhandanstalt nunmehr von einem „ominösen“ Leitungsausschuss der Treuhandanstalt erfahren habe.

Dazu ist festzuhalten, dass der Leitungsausschuss und seine Rolle seit Beginn der Treuhandanstalt bekannt war; im Abschlussbericht der Treuhandanstalt aus 1994 ist dem Gremium ein langes Kapitel gewidmet. „Ominös“ wird im Duden als 1. Von schlimmer Vorbedeutung, unheilvoll und 2. Bedenklich, zweifelhaft, berüchtigt umschrieben. Wie kommen Sie dazu, diesen Begriff für den Leitungsausschuss zu verwenden?

 

- Sie verschweigen in dem Beitrag völlig, in welcher Ausgangssituation sich Unternehmen wie DKK Scharfenstein befanden: der Heimatmarkt war zusammengebrochen, weil sich Konsumenten in Ostdeutschland in starkem Maße für Westprodukte entschieden; Exporte „in den Westen“ waren aufgrund der durch die Wirtschafts- und Währungsunion geschaffene Kostensituation vielfach nicht mehr wirtschaftlich möglich und die Ostexporte waren durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ebenfalls zusammengebrochen. Diese Ausgangssituation war von der Treuhandanstalt nicht zu beeinflussen; ihre Erwähnung hätte aber vermittelt, dass es wesentliche andere Ursachen für die kritische Situation der Ost-Betriebs nach der Wende gab als die Arbeit der Treuhandanstalt.

 

- Sie verschweigen in dem Beitrag weiterhin, welche immensen Finanzmittel die Treuhandanstalt Unternehmen wie DKK Scharfenstein im Rahmen des Übergangs zur Marktwirtschaft zur Verfügung stellte (ich gehe von einem Betrag einschl. der Zuschüsse im Rahmen der Privatisierung in Höhe von bis zu 100 Mio. DM (!!) aus; der Ihnen vorliegenden „Vermerk“ zu DKK Scharfenstein hätte dazu Aufschluss gegeben). Dieser Hinweis hätte die Treuhandanstalt in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

 

- Sie verschweigen auch, dass marktfähige Produkte wie der FCKW-freie Kühlschrank oder bestimmte neu entwickelte Fasern bei dem Unternehmensbeispiel Märkische Faser noch lange nicht bedeuten, dass ein Unternehmen „sanierungsfähig“ ist, z.B. wenn der Mittelbedarf, bis sich das Unternehmen aus eigener Kraft trägt, unvertretbare hohe Finanzmittel erfordert. Im Fall von DKK Scharfenstein hätten diese Mittelbedarfe nach meiner Schätzung bei hohen zweistelligen Mio. DM-Beträgen gelegen, zusätzlich zu den bereits genannten bereitgestellten Finanzmittel. Auch dieser Hinweis hätte die Arbeit der Treuhandanstalt in einem anderen Licht erscheinen lassen.

 

- Sie behaupten fälschlicherweise, mit der Einstufung durch den Leitungsausschuss von Ende 1991 in die Gruppe „6.1. nicht sanierungsfähig“ sei quasi das „Todesurteil“ von DKK Scharfenstein gefällt worden und diese „Fehlentscheidung“ sei auch trotz der Vorstellung des FCKW-freien Kühlschranks Anfang 1993 beibehalten worden. In diesem Zusammenhang verschweigen sie auch, dass das Unternehmen Anfang 1993 privatisiert wurde und bis 1996 produzierte. Eine korrekte Darstellung hätte klar gemacht, mit wie viel Verve die Treuhandanstalt für ihre Unternehmen kämpfte, um auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht sanierungsfähige Unternehmen zu erhalten.

 

Diese Liste von verschwiegenen oder falsch dargestellten Sachverhalte in Ihrem Beitrag ließe sich noch beliebig verlängern.

 

Anscheinend ging es Ihnen nicht um eine objektive Berichterstattung, sondern Sie wollten eine offensichtlich bei Ihnen vorhandene Meinung belegen, dass durch die Treuhandanstalt der „Osten verramscht“ wurde wie dies noch als Frage bei der Ankündigung des Berichts formuliert war.

 

Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein Bericht einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt dermaßen verzerrt Sachverhalte darstellt und werde mir erlauben, diese E-Mail zunächst zumindest im Kreis der ehemaligen Treuhandmitarbeiter bekannt zu machen. Ich würde an Ihrer Stelle diese E-Mail auch Ihrer Chefredaktion vorlegen.

 

 

Freundliche Grüße

 

Dr. Tobias Engelhardt


Transformation einer Volkswirtschaft (FAZ)

FAZ-20180917_F.A.Z._Seite_6.pdf

Links


Man hat die Ostdeutschen weggeschickt

Man_hat_die_Ostdeutschen_weg_geschickt-Berliner_Zeitung.pdf

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